… und dann klingelte das Telefon

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Die blonde Frau verabschiedete sich von ihren Kindern und streichelte dem Hund über den Kopf. Ihr Mann wurde im Vorbeigehen mit einem liebevollen Kuss bedacht. Der Vater und die Kinder konnten sich noch etwa eine halbe Stunde zu Hause aufhalten, ehe es dann soweit war, dass die zwei Kleinen in den Kindergarten gebracht werden mussten und die Große in die Schule. Der Familienvater fuhr dann anschließend weiter zur Arbeit.

Ein Mann raste mit seinem Wagen über die Landstraße und kam immer näher an das vor ihm fahrende Auto heran. Ohne zu bremsen, geschweige denn den Fuß etwas vom Gas zu nehmen, setzte er an und überholte rasch noch vor der nächsten uneinsichtigen Kurve. Kurz bevor er wieder zurück auf seine Fahrbahn zog, schoss auch schon der Gegenverkehr an ihm vorbei. Er atmete tief durch und fühlte sich gut bei diesem für ihn berauschenden Gefühl. Nach der Kurve kam dann auch für ihn der ersehnte Punkt, an dem die Landstraße zweispurig wurde. Im Rückspiegel entdeckte er das Fahrzeug, welches er gerade überholt hatte, doch es wurde immer kleiner als er auf der linken Spur freie Bahn hatte und das Gaspedal bearbeitete.

Schnell war die Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h um 40 überschritten. Unbewusst spannte er seinen Nacken und die Schultern an, kontrollierte die Blitzer-App. Vor ihm auf der rechten Fahrbahn tauchten weitere Autos auf, wovon eines plötzlich ausscherte, um seinen Vordermann zu überholen. Mit seinen 140 km/h klebte er schnell an dem Überholfahrzeug, bremste kurz vorher ab und achtete peinlichst genau darauf, dass der Sicherheitsabstand von 2 Metern eingehalten wurde, um dem Vorfahrenden zu signalisieren, dass dieser tunlichst von der linken Spur zu verschwinden hat. Dabei spielte es keine Rolle, dass dieser bereits 10 km/h schneller fuhr als erlaubt.

Vor der Stadt wurde der Verkehr zähflüssiger, bis sich letztendlich alles zu einem Stau weiterentwickelt hatte. Nichts war mehr von seinem Geschwindigkeitsrausch geblieben. „Scheiße!“, fluchte er. Was sollte das? Schließlich hatte er Feierabend und wollte nach Hause. Was fuhren die anderen hier so blöd rum. Er betätigte den Knopf an der Tür und das Fenster bewegte sich nach unten. Er zündete sich eine Zigarette an und nahm die Dose mit dem Energydrink aus der Halterung.

Innerlich wetterte er: „Schau sie dir an, diese alten Klamotten, alles Rentner. Die haben hier im Berufsverkehr nichts zu suchen, die können doch vormittags fahren, aber nein, jetzt müssen die aus dem Haus und einkaufen.“ Er drückte die Zigarette aus, nahm das Smartphone zur Hand, tippte und wischte gedankenverloren darauf herum, um letztendlich freudig festzustellen, dass der Spruch, den er bei der Arbeit gepostet hatte, bereits fünfundzwanzig Likes verbuchen konnte. Er begann etwas zu schreiben …

Das Martinshorn holte ihn aus dem Reich der Likebestätigungseuphorie. Genervt schaute er in den Rückspiegel. Direkt hinter ihm stand ein Rettungswagen. „Was denn fahr doch vorbei … Idiot.“ Doch der „Idiot“ konnte nicht, es war nicht ausreichend Platz. Weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Er tippte auf Senden und legte das Handy auf den Beifahrersitz, um die Hände frei zu haben, damit er den Wagen so rangieren konnte, dass der Rettungswagen den benötigten Platz bekam.

Nach zwanzig Minuten war auch er auf Höhe des Unfallortes angekommen und hätte sofort Gas geben können, denn vor ihm löste sich der Stau rasch auf, da es wieder zweispurig wurde. Doch anstatt schneller zu werden, verlangsamte er sogar noch das Tempo und schaute zu den verkeilten Autowracks, so wie es die meisten taten und dadurch diesen langen Stau größtenteils verursachten. Rasch nahm er das Handy und machte im Vorbeirollen zwei Fotos, dann schüttelte er den Kopf: „Diese Idioten, können alle nicht Autofahren.“ Dann fuhr er ruhig weiter und nach ein paar Metern gab er Gas, um schnell noch über die nächste Ampel zu kommen, die gerade auf Rot umsprang. Er drückte das Gaspedal durch und beachtete das Auto, welches von rechts kam und von einer blonden Frau gesteuert wurde, nicht.

Der Hund lag neben der Haustür, bei den Schuhen der Familie. Seine innere Uhr zeigte an, dass Frauchen bald nach Hause kommen würde. Alles im Haus deutete darauf hin. Der Mann deckte gemeinsam mit der großen Tochter den Tisch und die Kleinen spielten im Wohnzimmer. Sie wartenten gespannt auf die Türklingel, um dann der Mutter zu öffnen, die keinen Schlüssel benutzen durfte, denn die Kinder taten nichts lieber als die Tür für sie zu öffnen, um sie freudig in Empfang zu nehmen. Doch an jenem Nachmittag schellte nicht die Türklingel, sondern es klingelte das Telefon. Die Türklingel in diesem Haus sollte für immer verstummen.

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